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Das wohlhabende Unterdorf unterschied sich
mit seinen ausladenden Hofreiten deutlich vom ärmeren Oberdorf. Die
Bewohner bezogen ihren Wohlstand nicht nur aus der Größe ihrer Felder,
sondern auch aus der Lage an der Landstraße von Frankfurt am Main nach
Heidelberg. Reisende machten hier Station und stellten ihre Pferde
unter. Beide Dörfer waren getrennt durch den Ruthsenbach und jeweils
von einem mit Wasser gefüllten Dorfgraben umschlossen. Allerdings stand
den Katzenelnbogenern als Landesherren die höhere Gerichtsbarkeit über
beide Dörfer zu. Dies nutzten sie nach dem Aussterben der Herren von
Falkenstein, um sich in den Besitz des Unterdorfs zu bringen, was ihnen
1437 endlich gelang. 1479 fiel das nunmehr vereinigte A. mit der
gesamten Obergrafschaft Katzenelnbogen an die Landgrafen von Hessen.
1527 wurde mit der Einsetzung des ersten ev. Pfarrers Heinrich Moter
die Reformation eingeführt. Ihr fiel vermutlich die Wallfahrtskirche
»Unser Lieben Frauen« im Nordosten der Arheilger Gemarkung zum Opfer,
die wohl nach 1527 aufgehoben und auf Abbruch versteigert wurde. Einen
wirtschaftlichen Aufschwung erlebte A. wie die gesamte Obergrafschaft
Katzenelnbogen in der Regierungszeit Landgraf Georgs I. (1567-1596). A.
war damals mit knapp 1.000 Einwohnern nicht viel kleiner als DA. Diese
lebten hauptsächlich in 143 Hofreiten, die sich um die beiden
Hauptstraßen, die Dieburger (Messeler) Straße und die Darmstädter
Straße, gruppierten. Es gab drei Dorftore, zunächst lediglich bewachte
Schlagbäume, später überbaute Tore mit anschließenden Wohnungen: Im
Süden das Darmstädter Tor, im Osten das Obertor und im Nordwesten das
Frankfurter Tor. Alle drei wurden nach dem - Dreißigjährigen Krieg
nicht wieder aufgebaut. Das Frankfurter Tor behielt jedoch seine
Funktion als Zollerheberstelle und wurde deshalb Schreiberpforte
genannt. Der mit Wasser gefüllte Dorfgraben, der die Siedlung umgab,
wurde ebenso wie der begleitende Wall im 17. und 18. Jh. nach und nach
zugeschüttet bzw. abgetragen. Bis zur Zeit Georgs I. hatte A. kein
Rathaus besessen. 1589 begann der Neubau des Rathauses an der heutigen
Messeler Straße westlich des Ruthsenbachs. Das noch im selben Jahr
fertig gestellte Gebäude diente auch als Sitz des Landgerichts und der
Zent. Im Erdgeschoss waren das Gemeindebackhaus und die
Gemeindeschmiede untergebracht. Georg I. reformierte auch die
Ortsverwaltung, indem er die Bürgermeisterverfassung einführte.
An der Spitze stand nach wie vor der
gräfliche Schultheiß. Neben den zwei jährlich gewählten Bürgermeistern,
die für die Rechnungslegung zuständig waren, gab es weitere Ortsdiener:
Büttel, Schreiber, Kuh- und Sauhirten, Gassenwächter und Schützen. Der
Schultheiß stand auch dem zwölfköpfigen Schöffengericht vor, das für
die niedere Gerichtsbarkeit, aber auch für die allgemeine
Ortsverwaltung zuständig war. Hier wurden Fälle von Beleidigung,
Ruhestörung, Diebstahl usw. verhandelt sowie Beurkundungen
durchgeführt. Zusammen mit den Schöffen des benachbarten Erzhausen
bildete das Arheilger Gericht auch das Land- oder Zentgericht unter dem
Vorsitz des Arheilger Zentgrafen, der häufig mit dem Ortsschultheißen
identisch war. Hier wurden Fälle der Blutgerichtsbarkeit verhandelt
sowie Todesstrafen verhängt und vollstreckt.
Der wirtschaftliche Aufschwung in A. wurde
durch die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges beendet. Bereits 1622
raubten die Truppen des Grafen von Mansfeld alle Häuser und die Kirche
aus. Im Januar 1635 wurde der Ort von französischen Truppen vollständig
niedergebrannt. Nur wenige Häuser blieben stehen. Die überlebenden
Einwohner flüchteten hinter die vermeintlich sicheren Mauern des nahen
DA, wo viele von ihnen an der Pest starben. 1640 gab es in A. nur noch
16 Familien. 1622 waren es noch 149 gewesen. Der Wiederaufbau des Dorfs
nach dem Ende des Kriegs, der von den wenigen erhaltenen Hofreiten des
Unterdorfs ausging, sollte mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Die
Einwohnerzahl A.s stieg nur ganz allmählich durch zurückkehrende
Flüchtlinge und Neuansiedler wieder an. Ein baufälliges Haus an der
Darmstädter Straße wurde als neues Pfarrhaus für das zerstörte alte
eingerichtet, Gottesdienst im nur zum Teil zerstörten Rathaus gehalten,
bis am 07.11.1683 die wieder aufgebaute Kirche feierlich eingeweiht
werden konnte. Um die neue Kirche und das 1680 ebenfalls wieder
aufgebaute alte Pfarrhaus entstanden auch im Oberdorf wieder einfache
Neubauten, von denen einige noch heute stehen, z. B. in der
Rathausgasse. Einige Jahre jünger als die Kirche ist die 1693
errichtete Zehntscheuer, die zur Sammlung des landgräflichen Heus und
Strohs für die Hofhaltung in Kranichstein diente. Das größte Arheilger
Anwesen an der Darmstädter Straße (heute Messeler Straße 6), das schon
im Mittelalter als Sitz von Darmstädter Burgmannen und seit dem 16. Jh.
als Gasthof gedient hatte, wurde 1650 von Sophie Eleonore, Gattin
Landgraf Georgs II., erworben und zum fürstlichen Hofgut ausgebaut.
Danach ging es durch die Hände mehrerer adliger Besitzer, bis es 1789
der Darmstädter Kriegsrat Johann Heinrich Merck erwarb, der hier nur
gut zwei Jahre bis zu seinem Freitod im Juni 1791 lebte.
Die Feldflur war nach 1648 zum größten
Teil zerstört oder verwildert, ein geordneter Viehtrieb nicht mehr
möglich. Um A. herum lagen ausgedehnte Weingärten, vor dem Krieg einer
der Hauptwirtschaftszweige der Arheilger Bauern. Nach der langen
Kriegszeit fristete der Weinbau jedoch nur noch ein kümmerliches Dasein
und wurde bald aufgegeben. Neben dem Weinbau und dem Anbau von
Feldfrüchten zogen die Arheilger erheblichen Nutzen aus ihrem
Waldbesitz, den sie zur Gewinnung von Bau- und Brennholz und als Weide
für Schweine, Kühe e. Pferde und Schafe nutzten. Die Waldvernichtung
vor allem des 16. Jh.s wurde von der Regierung Georgs I. gestoppt,
indem er die Waldnutzung einschränkte und statt der abgeholzten Eichen-
und Buchenbestände, vor allem im Westen in der Täubcheshöhle, schnell
wachsende Kiefern und Fichten einsäte. Die neuen Wälder wurden jedoch
in Hege gelegt, standen damit den Bauern nicht mehr zur Verfügung. Zu
Beginn des 18. Jh.s wurden weitere Stücke der Arheilger Feldgemarkung
im Oberwald und in der Täubcheshöhle mit Nadelholzsamen eingesät und
dadurch der Nutzung durch die Gemeinde entzogen. Eine weitere
einschneidende Beschränkung ihrer bäuerlichen Rechte erlebten die
Bewohner A.s durch die zu Beginn des 18. Jh.s eingeführte Parforcejagd.
Statt ihre Felder zu bestellen, hatten die Bauern tagelang in Jagdfron
bei Parforce- und Saujagden zu helfen. Als die Belastungen in den
Jahren nach 1720 unerträglich wurden, zogen ab 1723 einige Familien aus
A. weg nach Ungarn, um dort als Kolonisten einen Neubeginn zu wagen.
Erst mit dem endgültigen Ende der Parforcejagd nach dem Tod Ludwigs
VIII. 1768 fielen die enormen Belastungen durch die Jagd weg, weil
Flurschäden und Jagdfronden aufhörten und das überhand nehmende Wild
abgeschossen werden durfte.
Neben dem Ackerbau lebten die Arheilger im
18. und auch im 19. Jh. hauptsächlich vom Durchreiseverkehr auf der
Chaussee Frankfurt-DA. Viele Messebesucher stiegen hier, eine
Tagesreise von Frankfurt entfernt, ab. Die bekanntesten Gasthöfe waren
der Breidenstein'sche Hof, später Gasthof »Zum Hirsch«, an der
Schreiberpforte, gegenüber in der Dieburger (Messeler) Straße das
Gasthaus »Zum Weißen Ross«, weiter die Darmstädter Straße hinunter der
»Schwan«, der »Storch« und am Ortsausgang Richtung DA der »Goldene -
Löwe«. Im späteren 19. Jh. kamen noch die »Sonne«, der »Grüne Baum«,
die »Krone« und der »Darmstädter Hof« hinzu. Vom bescheidenen
Wohlstand, den A. dadurch erlangte, zeugen einige neu gebaute
mehrstöckige Hofreiten, hauptsächlich an der Darmstädter Straße. Auch
die Beeinträchtigungen durch kriegerische Ereignisse wie den
Österreichischen Erbfolgekrieg 1743-45 hielten sich in Grenzen. Im Juni
1743 richteten französische Truppen in A. ihr Hauptquartier ein und
nahmen an Getreide mit, was ihnen in die Hände fiel, ebenso zwei Jahre
später, als erneut 6.000 französische Soldaten bei A. lagerten. Auch
das Ende des 18. Jh.s verwickelte A. wie die gesamte Obergrafschaft
wieder in kriegerische Auseinandersetzungen, die in Zusammenhang mit
den Revolutionskriegen gegen Frankreich standen. Als nach dem
gescheiterten ersten Koalitionskrieg französische Armeen im Oktober
1792 am Rhein standen und Frankfurt eroberten, wurden die
hessen-darmstädtischen Truppen in Alarmbereitschaft versetzt, Hof und
Regierung evakuiert. Als im August 1796 französische Truppen DA
besetzten, Geiseln nahmen und erhebliche Summen an Kriegskontribution
forderten, mussten sich viele Arheilger dafür jahrelang verschulden.
Erneut wurden DA und Umgebung Anfang 1806 besetzt, um Großherzog
Ludewig I. zum Beitritt zu dem von Frankreich dominierten Rheinbund zu
zwingen. Auch die Arheilger hatten wieder französische Einquartierungen
zu tragen.
Dem Ende der Napoleonischen Kriege, die
eine längere Zeit des Friedens brachten, folgten für A. einschneidende
politische und administrative Veränderungen: Die überfällige Reform der
altertümlichen Agrarverfassung mit ihren drückenden Natural- und
Geldlasten brachte vielfältige Erleichterungen. Der Beseitigung der
Leibeigenschaft im Jahr 1809 folgte 1816 die ersatzlose Abschaffung
aller Frondienste. 1836 schließlich wurden alle noch vorhandenen
Zehntabgaben und sonstigen Fruchtzinsen, Martinsgänse und Rauchhühner,
die an die Gemeinde, an Pfarreien, Hospitäler und sonstige Begünstigte
entrichtet wurden, entweder in Geldabgaben umgewandelt oder abgelöst.
Die Gemeindereform von 1821 stellte den Beginn der kommunalen
Selbstverwaltung dar. Das Amt des Schultheißen wurde durch den vom
neuen Gemeinderat gewählten Bürgermeister ersetzt.
Der Ortsvorstand bestand aus dem
Bürgermeister, einem Beigeordneten als Vertreter sowie dem Gemeinderat
aus 9 Mitgliedern. Mit der Landgemeindeordnung von 1874 wurde die Zahl
auf 12 Gemeinderäte erhöht. Den Ortsvorstand wählte die aus sämtlichen
Ortsbürgern bestehende Gemeindeversammlung. Ortsvorstand und
Gemeinderat residierten und tagten seit 1840 im neuen klassizistischen
Rathaus, das anstelle des alten abgerissenen Rathauses von 1589
errichtet worden war. Im Laufe des 19. Jh.s wandelte sich auch das
Arheilger Ortsbild, das sich bis dahin immer noch im mittelalterlichen
Umfang bewegt hatte. Der Ort dehnte sich über den Dorfgraben aus. An
der heutigen Unteren Mühlstraße, an der Chaussee nach Frankfurt
nördlich der - Schreiberpforte, nach DA südlich des Löwen entstanden
die ersten Häuser. Die Einwohnerzahl stieg auf 1.700 im Jahr 1829 und
überschritt die 3.000 bis zum Ende des Jh.s. 1914 waren es bereits
6.000. Eine stürmische Bautätigkeit, zum Teil durch Firmen, die ganze
Straßenzüge bebauten, war die Folge. Der Anstieg ist wesentlich der -
Industrialisierung zu danken, die an A. selbst weitgehend vorbeiging.
Immer mehr Einwohner arbeiteten jedoch in den Darmstädter
Industriebetrieben, vor allem bei der chemischen Fabrik E. Merck,
nachdem diese ihre Fabrikanlage 1904 an den südlichen Ortsrand verlegt
hatte. Kurz zuvor hatte sich auch die Firma Carl Schenck in A.
niedergelassen. Die Arbeiter bildeten bald das Übergewicht gegenüber
der kleineren Schicht der alteingesessenen Bauern und Handwerker.
In der politischen Organisation der
Arbeiterschaft liegt der Grund für die starke Position, welche die SPD
in A. bis 1933 immer hatte. Für eine Verbesserung der
Verkehrsverhältnisse sorgte zunächst die Eröffnung der Main-Neckar-Bahn
(184G, -Eisenbahn), mit der man bequem nach DA und Frankfurt kam. Seit
1889 war A. mit der Darmstädter Innenstadt auch durch die
Dampfstraßenbahn verbunden. 1907 wurde A. an die Darmstädter
Gasversorgung angeschlossen. 1912 brannten hier bereits 122
Straßenlaternen. Ein Jahr zuvor war der Ort auch an das Darmstädter
Wasserleitungsnetz angeschlossen worden. Seit 1924 erhielt A.
elektrischen Strom durch die HEAG. Zugleich begann die lange Jahre in
Anspruch nehmende Errichtung einer Kanalisation. Der Ausbruch des
Ersten Weltkriegs, in dem 216 Arheilger Männer fielen, führte zu einem
Niedergang der wirtschaftlichen Blütezeit.
Die nächsten Jahre waren gekennzeichnet
durch Mangel an Lebensmitteln und Versorgungsgütern und eine rasch
fortschreitende Geldentwertung. Die Zeit des Volksstaats Hessen
bedeutete für A. zunächst die teilweise französische Besetzung. Die
Grenze der französischen Besatzungszone des Brückenkopfs Mainz lief
mitten durch den Ort und erschwerte den Kontakt zwischen den
Ortsteilen. 1923 kam es zum Versuch, das besetzte Gebiet in einen
selbstständigen, von Frankreich beherrschten Pufferstaat zu verwandeln.
Im Oktober 1923 besetzten Befürworter dieser Neugliederung, so genannte
Separatisten, das Rathaus, wurden aber von den Arheilgern nach ein paar
Tagen vertrieben. Der Gemeindevorstand mit Bürgermeister Jakob Jung an
der Spitze und über 20 Arheilger wurden verhaftet und wochenlang
festgehalten. Obwohl die SPD auch bei der Reichstagswahl am 05.03. 1933
mit -13,5 Prozent der Stimmen stärkste Partei in A. geblieben war,
wurden Bürgermeister Jung und Beigeordneter Spengler, beides
SPD-Mitglieder, am 3. April durch den NSDAP-Ortsgruppenleiter
Birkenstock entlassen.
Im selben Jahr setzte auch in A. die
Verfolgung der jüdischen Bürger ein, die seit dem 18. Jh. eine relativ
große Bevölkerungsgruppe gestellt hatten. Einige jüdische Familien
verließen den Ort in den nächsten Jahren. In der Reichspogromnacht am
09./ 10.11.1938 wurden die Häuser fast aller noch hier lebenden Juden
verwüstet. Aaron Reinhardt, der Herausgeber des Arheilger Anzeigers,
beging Selbstmord, nachdem sich seine Tochter Hanna aus dem Fenster
ihres Hauses in der Obergasse zu Tode gestürzt hatte. Die Weigerung von
Pfarrer Karl Grein, seine Pfarrei in die NS-Kirchenorganisation der
Deutschen Christen einzugliedern, führte zum »Arheilger Kirchenkampf«.
Zu dieser Zeit verlor A. seine
Selbstständigkeit. Nachdem schon vor dem Ersten Weltkrieg mehrmals über
eine Eingemeindung verhandelt wurde, jeweils ohne sich einigen zu
können, verfügte Gauleiter Jakob Sprenger die Eingemeindung zum
01.04.1937 zwangsweise. A. war ein Stadtteil von DA geworden.
Auszug aus:
Stadtlexikon Darmstadt
Herausgegeben vom
Historischen Verein für Hessen
im Auftrag des Magistrats der
Wissenschaftsstadt Darmstadt
Redaktion: Roland Dotzert, Peter Engels, Anke Leonhardt
Erschienen bei: Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2006
Seiten: 39-43
Literatur:
Andres, Wilhelm: Alt-Arheilgen.
Geschichte eines Dorfes, Darmstadt 1978 (Darmstädter Schriften 41);
Ders.: Das Dorf am Ruthsenbach, Darmstadt 1986; Engels, Peter: Das
Seligenstädter Zinsregister und die Ersterwähnung des Darmstädter
Stadtteils Arheilgen. In: AHG NF 60, 2002, S.371-386.s